INFOBOX, erschienen in Diehl, Katja/ Donnerwetter, Thorsten/ Rosswog, Tobi: Nehmen wir das Leben wieder selbst in die Hand. Verlag die Buchmacherei, Berlin 2025, S. 84-86.
Das Thema Vergesellschaftung hat seit einiger Zeit Konjunktur. Es war die Kampagne Deutsche Wohnen & Co enteignen, die mit ihrem erfolgreichen Volksentscheid im Jahr 2021 den Begriff ins Spiel gebracht hat. Und auch die erfolgreichen Vergesellschaftungskonferenzen in 2022 und 2024 waren ein wichtiger Meilenstein zur Popularität der Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Eine Vielzahl an Diskussionsbeiträgen ist seither entstanden, in Form von Podcasts, Büchern, Artikeln, im Rahmen von Workshops, auch Forschungsprojekte widmen sich zunehmend diesem Thema. Vergesellschaftung, so scheint es, füllt die Lücke, die den sozialen Bewegungen seit langer Zeit fehlt: Eine universale, gemeinsame Strategie, die einen sozialökologischen Umbau der Gesellschaft jenseits der klimaschädlichen, vom Wachstumszwang angetriebenen Marktwirtschaft einzuleiten vermag. Im Mittelpunkt der Kritik stehen Privateigentum und Profitorientierung. Sie liegen laut den Veranstaltern der Sozialisierungskonferenz von 2024 «an der Wurzel zahlreicher Krisen des 21. Jahrhunderts.»
Gemeint ist hier nicht das persönliche Eigentum, sondern das private Eigentum an Produktionsmitteln, Grund und Boden und Naturschätzen. Mit der historischen Durchsetzung des Privateigentums vor etwa 500 Jahren hat sich eine Wirtschaftsweise mit einer enormen Produktivkraft verselbstständigt. Die Mittel unser aller Reproduktion liegen seither in den Händen relativ weniger Menschen. Unter dem Kommando dieser Privateigentümer müssen die an Produktionsmitteln eigentumslosen Menschen deren eingesetztes Kapital vermehren. Da diese unter dem Druck der Konkurrenz stehen, können sie damit nicht aufhören, bei Strafe ihres Untergangs. Aus diesem Grund kennt die Vermehrung des Kapitals kein Ende und kein Maß.
Das, in Kürze, ist Privateigentum: Die private Verfügungsgewalt über Produktionsmittel, die profitorientiert unter Anwendung fremder Arbeit auf eigene Rechnung und für einen anonymen Markt eingesetzt werden. Privateigentum als ein umfassendes Herrschaftsverhältnis ist nicht nur deshalb ein Problem, weil davon eine bizarre Logik ausgeht, wonach produziert wird um zu arbeiten, statt zu arbeiten um zu produzieren. Es ist das, was im Kern die Quellen seiner eigenen Ausbeutung untergräbt: Mensch und Natur. Gesellschaftliche Reproduktion ist im Kapitalismus Privatsache. Die destruktiven Folgen trägt die Allgemeinheit.
Genau hier setzt Vergesellschaftung an. Sie soll die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel ihrem privatnützigen, destruktiven Zweck entziehen und sie öffentlich, kooperativ, gemeinnützig ausüben. Das ist keine fantastische Idee, sondern auch im Artikel 15 des Grundgesetzes verankert. “Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.” Und genau darum geht es uns, um eine gemeinsame Verfügung zugunsten des Allgemeinwohls.»
Vergesellschaftung ist keine neue Idee. Es war die Kernforderung der Arbeiter*innenbewegung in der Novemberrevolution und mündete historisch im Osten im real existierenden Sozialismus und im Westen in der Sozialpartnerschaft, dem Recht der Ausgebeuteten bei ihrer eigenen Ausbeutung ein Wörtchen mitreden zu dürfen. Die Gründe des Scheiterns einer umfassenden, vollen Demokratie sind vielfältig. Einer könnte darin liegen, dass in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Debatte über Vergesellschaftung ihren historischen Höhepunkt erreichte, keine Einigkeit darin bestand, was konkret Sozialisierung oder Vergesellschaftung eigentlich sein soll. Es gab so viele Konzepte, dass es kein Konzept gab. Der marxistische Philosoph Karl Korsch äußerte sich bereits 1912 zu der Losung «Vergesellschaftung der Produktionsmittel»: «Es wird einer späteren Generation höchst merkwürdig vorkommen, wieviele verschiedene und teilweise gegensätzliche Bestrebungen sich unter dieser einen Formel zusammenfanden.»
So komisch kommt es dieser späteren Generation gar nicht vor, möchte man Korsch antworten. Die Diffusität der Losung ist auch heute noch zu beobachten in der Renaissance der Debatte um Vergesellschaftung. Das ist allerdings mehr Chance als Manko. Es eröffnet die Möglichkeit, jenseits der eingetretenen Pfade der Vergangenheit Vergesellschaftung zu konkretisieren, mit dem Ziel, dass es diesmal wirklich zu einer «vollen Demokratie» führt.
